Hallo Achim,
du bist schon lange bei der Wikipedia aktiv und als Hauptautor für sehr viele „exzellente“ Artikel verantwortlich. Vor kurzem wurde dein Artikel über die Vulva von der Wikipedia-Community ausgezeichnet. Trotzdem gab es eine große Debatte als er zum Artikel des Tages und somit auf der Hauptseite der deutschen Wikipedia abgebildet wurde. Was ist deiner Meinung nach die Aufgabe einer modernen Enzyklopädie?
Die Enzyklopädie soll für den Menschen ein Wissensspeicher sein, auf den er zugreifen kann und der ihm zu jedem Thema eine hinreichende Antwort auf seine Fragen gibt. Sie soll Dinge erklären und auch darstellen – zugleich jedoch unterhaltsam sein und zum Schmökern einladen.
Im Fall der Vulva bedeutet dies für mich, dass die Enzyklopädie einen sachlichen und korrekten Artikel bereithalten sollte, der den Leser sowohl über die Anatomie, über die Physiologie und die medizinischen Aspekte aufklärt sowie jedoch auch die kulturellen Aspekte aufgreift. Insbesondere Themen wie diese, unsere „pfui-Themen“, werden in der Wikipedia jedoch eher selten kompetent aufgearbeitet – die Regel sind eher überbebilderte und schlecht strukturierte Artikel, die einige Aspekte aufgreifen, andere jedoch nicht mal erwähnen. Wie ein solcher Artikel dann aussieht zeigt „Penis des Menschen“ recht deutlich. Abseits dessen: die Debatte bezog sich weniger auf den Artikel als vielmehr darauf, dass wir ein Bild einer Vulva in den Teaser gestellt haben, die einige Leute offensichtlich verstört hat – persönlich habe ich allerdings eher Zuspruch bekommen, nur dass die Leute, die die Auswahl gut fanden sich eben nicht oder nur selten öffentlich geäußert haben.
Wie du weist, wurde für den Wikipedia-Eintrag über Twick.it ein Löschantrag gestellt. Begründung: „neues Projekt, zu unbekannt“. In einer Zeit, in der jeder Nutzer ein Millionenpublikum ansprechen kann: Wer entscheidet, was relevant genug für die Wikipedia ist? Und wie?
Ich denke, über Relevanz, Relevanzkriterien und auch die Entscheidung darüber wurde in den letzten Monaten auch abseits der Wikipedia sehr viel geredet – womit allerdings auch nur ein Prozess fortgesetzt wurde, der in der Wikipedia seit Anbeginn besteht. Die Kriterien, nach denen ein Artikel in der Wikipedia behalten wird, waren noch nie starr und unterlaufen einem stetigen Korrektur- und Diskussionsprozess. Einig sind sich die meisten Wikipedianer, dass es irgendeine Form von Begrenzung geben sollte – der aktuell bevorzugte Weg ist der über die in einem langen Konsensfindungsprozess entwickelten Relevanzkriterien. Die Entscheidung in Fällen von umstrittener Relevanz erfolgt in der Regel auf der Basis dieser Relevanz: die Artikel müssen inhaltlich nachweisen, dass sie zum Kanon der Artikel gehören, die nach aktuellem Konsens in der Wikipedia aufgenommen werden.
Ich selbst habe mit diesen Relevanzkriterien allerdings nur sehr begrenzt zu tun, da wir in meinem Hauptarbeitsfeld, der Zoologie, keine entsprechenden Kriterien entwickelt haben; es gilt der Grundsatz, dass jede Art und auch jedes fachlich etablierte Stichwort – wie auch die oben bereits angesprochene Analpyramide – per se relevant sind. Allerdings werden auch in dem Bereich Artikel gelöscht, Maßstäbe basieren hier allerdings auf der Artikelqualität und der Angabe von belastbaren Quellen.
Für die meisten Aufrufe ist ein winziger Teil der Wikipedia-Artikel verantwortlich. Vieler deiner Artikel werden also von fast niemandem gelesen und selbst wenn, erfährt der normale Wikipedia-Nutzer nichts von deiner Autorenschaft. Woher nimmst du die Motivation weiterzumachen?
Die Motivation ergibt sich aus dem gemeinsamen Arbeiten mit anderen, die ebenfalls Spaß an der Erstellung einer Enzyklopädie haben. Die Leser stellen zwar den Maßstab für die Aufrufzahlen dar, mit Ihnen kommen die Autoren allerdings fast nie in Berührung. Diskussionen und Feedback erfolgen durch das Miteinander der Autoren aus unterschiedlichen Interessensbereichen – und mit diesen kann man auch über Nischenthemen sehr gut diskutieren. Hinzu kommt der Spaß an der Recherche und an der Aufarbeitung eines Themas, dass sich aus der Literatur erschließen lässt und bei deren Wahl der Autor freie Hand hat – niemand schreibt vor, welche Themen bearbeitet werden müssen, darin liegt der Reiz, auch mal Themen anzufassen, die nirgends sonst in dieser Form behandelt sind – ein sehr gutes Beispiel aus einer aktuellen Abstimmungskandidatur ist der Artikel „ottos mops“ des Autors Magiers, der zwar eine sehr enge Nische bedient aber trotzdem in der Autorenschaft ein extrem positives Feedback bekommt.
Du bist ein Wikipedianer mit Einfluss und einer gewissen Lobby. Auch im Nutzer-Ranking von Twick.it hast du ich in kürzester Zeit in die Top 5 vorarbeiten können. Ein Grund dafür könnte – neben der Qualität deiner Erklärungen – deine Reputation sein. Bedeutet das: Wer beliebt ist, hat Recht? Anders gefragt, wie leicht lässt sich Wissen in einem Wiki manipulieren?
Ich denke, die Frage ist da nicht ganz auf den Punkt. Natürlich gibt es – wie überall im Mitmach-Internet – die Devise, dass beliebte und besonders aktive Teile der Community in der Regel auch weniger kritisch beäugt werden als Neulinge oder „Outlaws“. Diese Stellung lässt sich allerdings nicht ohne den Kontext der individuellen Arbeit betrachten: Ein Autor wird nicht beliebt, wenn er regelmäßig durch grenzwertige und schlechte Arbeit auffällt; in der Wikipedia bedeutet dies, dass vertrauenswürdige Autoren sich dieses Vertrauen durch ihre Artikelarbeit oder andere Tätigkeiten erarbeitet haben. Sobald sie beginnen, schlechte Arbeit zu machen, verlieren sie dieses Vertrauen jedoch auch wieder – einige ehemalige Autoren exzellenter Artikel sind heute dauerhaft gesperrt, weil sie an anderen Stellen das in sie gesetzte Vertrauen verspielt haben. Würde also ein Autor mit hoher Reputation beginnen, Inhalte zu manipulieren, wird er dies nur können, bis es der Community auffällt – und dies wird in der sehr divers zusammengesetzten Community auf jeden Fall geschehen.
Ich denke, dass dies auch bei Twick.it in der weiteren Entwicklung der Fall sein wird: Autoren guter Twicks werden Fans haben, die weitere Twicks dieser Autoren positiv bewerten – genau so lange, bis die Twicks des Autors schlechter werden. Allerdings bieten 140 Zeichen einen sehr viel engeren Spielraum zwischen guter und schlechter Arbeit und im Gegensatz zur Wikipedia, wo viel mehr Spielraum für Stilfragen ist, werden sich hier bereits Nuancen in der Qualität auswirken und in der Bewertung bemerkbar machen.
Laut Medienprofessor Clay Shirky ist ein Wikipedia-Artikel nicht als fertiges Produkt, sondern als kontinuierlicher Prozess zu verstehen. In wie weit trifft das auf einen Twick zu?
Im Gegensatz zu einem Wikipedia-Artikel gibt es bei einem Twick eine feste Zeichenbegrenzung – und damit eine Grenze für den darstellbaren Inhalt. Ein Twick, der sein Lemma innerhalb der 140 nutzbaren Zeichen erklärt, kann entsprechend nicht durch weitere Erläuterungen, Beispiele und Darstellungen erweitert werden – die einzige Möglichkeit, die sich hier bietet ist eine Aktualisierung, falls der Begriff einer Begriffserweiterung oder -änderung unterläuft. Der einzelne Twick kann sich zudem entsprechend der Technik nicht ändern, er kann nur durch neue Twicks, die sich in Nuancen unterscheiden, in seiner Wertung überholt werden.
Als aktiver Wikipedianer kann ich Professor Shirky allerdings nur bedingt zustimmen: Ein Wikipedia-Artikel nähert sich in der Regel ebenfalls einem Optimalzustand, der sich, sobald er einmal erreicht wird, ebenfalls nur in Nuancen weiterentwickelt. Der Grad der Kontinuität ist also abhängig von der bereits erreichten Qualität des Artikels (auch hier mit der Ausnahme der Aktualisierungsprozesse) – es wird zwar nie ein Stillstand erreicht, die Veränderungen eines weit entwickelten Artikels sind allerdings in der Regel nur marginal.
Schlagwörter: Achim Raschka, Community, Relevanz, Wikipedia
Sehr interessant zum Thema freiwillige Zusammenarbeit und Qualitätssicherung im weitesten Sinne fand ich auch den Einblick zur Arbeitsweise der Apache Software Foundation. Auch dort gibt es verschiedene Reputationslevel sowohl für Mitarbeiter als auch für Projekte. Dabei geht es auch um die "Sozialisation" von neuen Mitarbeitern durch erfahrene Mentoren.




