Wie ticken Enzyklopädisten?
Zugegeben, unsere ersten Erfahrungen mit Wikipedia waren nicht positiv. Wer als Laie heute versucht, einen Artikel bei der Mutter aller Mitmach-Projekte zu veröffentlichen, hat es nicht leicht. Code und Codex der Wikipedia sind komplex und kompliziert. Ganz anders jedoch sind die Menschen, die Wikipedia mit Leben füllen. Hausmeister Andre, Rechtschreib-Detektiv Stefan, einen fast blinden Autor und einige mehr lernten wir auf dem Wikipedia-Stammtisch in Köln am 7. Januar 2010 kennen. Die Begegnung hat uns Mut gemacht – und machte uns gleichzeitig deutlich, welche Herausforderungen unsere Erklärmaschine bei zunehmendem Wachstum erwarten.
Wenn Enzyklopädisten sich streiten…
Kurz nach dem Start unserer Beta-Phase hatten wir das Glück, im Basic Thinking Blog von André Vatter erwähnt zu werden. Leider sorgte sein Artikel mit der Überschrift „Wenn Enzyklopädisten sich streiten, …“ für etwas Aufregung unter den Wikipedianern. Schwups, ohne großes Zutun unsererseits, steckten wir in der Relevanzdebatten-Schublade und wurden von Hardcore-Wikipedianern wahlweise für billige PR, als Startup-Glühwürmchen oder als penetrante Bedanker abgekanzelt.
Werbung vom Wikipedianer
Was wir damals nicht wussten: Angestachelt durch den Fefe-Blog tobte just zu dieser Zeit hinter den Kulissen eine heftige Debatte, um den zukünftigen Weg der Wikipedia. Umso erstaunter war ich, eines Tages einen wohlwollenden Tweet von Wikipedia-Urgestein Achim Raschka zu lesen. „Reine Ironie“, vermutete ich sofort – und lag falsch. Inzwischen hat Achim Twick.it auch im Wikipedia Kurier vorgestellt und einige Wikipedianer zählen zu unseren emsigsten Nutzern.
Einladung zum Stammtisch
Achim war es auch, der uns zum Wikipedia-Stammtisch nach Köln einlud. Für ihn ist es sehr wichtig, dass alle Portale für freies Wissen im Netz zusammenarbeiten – und nicht gegeneinander. Beim Betreten des Goldmund waren wir erstmal sehr erstaunt: Keine Laptops! Keine Handys! Ganz so nerdig, wie man sich Wikipedianer vorstellt, sind sie dann doch nicht. Oder doch?
Der Vandalenjäger
Als erstes kam ich mit „Hausmeister“ Andre ins Gespräch. Er macht in der Wikipedia Jagd auf Vandalen, also Nutzer, die der Enzyklopädie mutwillig Schaden zufügen wollen. Fast schon legendär ist sein Kampf gegen einen Troll, der unter unterschiedlichsten Benutzernamen, die etwas mit Klo zu tun haben, sein Unwesen treibt. Allerdings haben die Vandalen-Jäger inzwischen Routinen entwickelt, mit denen sie Vandalismus automatisiert aufspüren und schnellstens ausschalten können. Und wenn das nicht hilft, wird die große IP-Sperr-Keule ausgepackt…
Wikipedia für Anfänger
Mit Elke unterhielt ich mich anschließend über meine Probleme als Anfänger in der Wikipedia. Punkt Eins ist die mangelhafte Usability: Es gibt meiner Meinung nach keinen triftigen Grund, warum die Bedienung von Wikipedia schwieriger als die einer Blogger-Software wie Wordpress sein sollte. Mein Vorschlag war ein Programm, das Word-Texte in die Wikipedia einbettet. Das ist allerdings aus technischen Gründen nicht möglich. Elke hat mehrfach auf das Usability-Projekt von Wikipedia hingewiesen, durch das die Nutzung für Anfänger erleichtert werden soll.
Knackpunkt Relevanz
Natürlich haben wir auch über Relevanzkriterien diskutiert. So wundert es mich zum Beispiel, dass einige Hidden Champions aus Deutschland nicht relevant genug sind für eine deutsche Enzyklopädie. Selbst eine weltweit tätige Unternehmensgruppe wie die Friedhelm Loh Gruppe, die über 11.000 Mitarbeiter beschäftigt, bekommt nur 10 Zeilen Text – nicht mehr als eine beliebige Nebenfigur aus den Star Wars Filmen. Ein Lob an Elke, die alle meine Klagen geduldig und verständnisvoll angehört hat. Grundsätzlich ist es jedoch sehr schwer, Neuerungen auf den Weg zu bringen, da viele Nutzer mitdiskutieren wollen.
Twick.it + Wikipedia = Twickipedia
Vielleicht kann man sich in Zukunft ja eine Kooperation von Wikipedia und Twick.it vorstellen. Das könnte dann so aussehen: Auf Twick.it stimmen die Nutzer über die beste Kurzerklärung für ein Thema ab – und diese wird auf Wikipedia eingeblendet. Unter diesem Link könnt ihr die Spielerei selbst ausprobieren. Feedback ist wie immer sehr willkommen.
Twick.it + Google = Twiggle
Wenn wir schon mal am Träumen sind: Warum sollte nicht auch Google, eine von Twick.it-Nutzern bestimmte Erklärung an erster Stelle einblenden? Immerhin ist die Suchmaschine ja auf sinnvolle Treffer angewiesen. Und was Sinn macht, entscheiden immer noch wir, die Nutzer. Hier könnt ihr Twiggle testen.
Das Ganze ist größer als die Summe seiner Teile
Mich hat die Bescheidenheit der Wikipedianer beeindruckt. Viele schreiben gar nicht lange Artikel, sondern konzentrieren sich auf Fleißarbeiten wie das Korrigieren von Rechtschreibfehlern, das Kategorisieren von Teekesselchen, die Zusammenarbeit mit Schulen. Es gibt Mentoren, um neue Autoren zu schulen, ehrenamtliche Pressesprecher wie Nando Stöckling und Media-Experten. Nur durch den Einsatz des Einzelnen kann die Enzyklopädie ihre Ziele erreichen. Jetzt kann ich Jimmy Wales, den Wikipedia-Gründer etwas besser verstehen, der vor kurzem sagte: „Die Schönheit von Wikipedia liegt darin, dass hier auch gewöhnliche Menschen die Möglichkeit bekommen, ungewöhnliche Dinge zu machen. Es sind Leute wie wir, die sie schreiben und Leute wie wir, die uns auch dafür bezahlen.“
Wir freuen uns auf jeden Fall über die Unterstützung durch die erfahrenen Enzyklopädisten der Wikipedia ebenso wie über jeden Blogger, der frei Schnauze sein Wissen in Twick.it einbringt.
Schlagwörter: Relevanz, Usability, Wikipedia, Wikipedianer
Die Tatsache, dass ich ein Dutzend guter Ausreden im Gepäck hatte, um den Stammtisch vorzeitig zu verlassen und dann doch bis 1 Uhr geblieben bin, zeigt, dass es mir viel Spaß gemacht hat.
Ich fand den Abend sehr interessant. Ich habe spannende Gespräche geführt und nette Leute kennen gelernt.
Da die Einzelgespräche so interessant waren, hatte ich leider nicht die Gelegenheit, alle Anwesenden persönlich zu sprechen. Ich hoffe, wir können das irgendwann einmal nachholen.
Vielen, vielen Dank für die Einladung, den netten Empfang, die aufregenden Diskussionen und für einen wirklich guten Grund, meine alte Heimat Köln-Ehrenfeld noch einmal besuchen zu dürfen.
Bei den Relevanzkriterien hast Du leider etwas missverstanden. Die Länge eines beliebigen Artikels hat mit den Relevanzkriterien rein gar nichts zu tun. Dass da überhaupt ein Artikel steht, zeigt aber, dass die Wikipedia-Cimmunity selbstverständlich solche Firmen für durchaus relevant ansieht (aber eben nicht jeden Bäcker und Schreiner und Fahrradladen und Versandhandel etc. pp.: Wikipedia soll halt nicht zur Gelbe-Seiten-Kopie und PR-Plattform verkommen).
Dass da über die Loh Group nur 11 Zeilen stehen, liegt ganz einfach daran, dass niemand mehr als diese 11 Zeilen geschrieben hat. Falls der Text doch mal länger war, dann hat in solchen Fällen normalerweise jemand einen Werbetext kopiert (der dann wegen Urheberrechtsverletzung gelöscht oder ja nach Formulierung auch wegen Werbung oder mangelnder Quellenlage gekürzt wurde).
Selbst wenn sich zu Stichwörtern wir "Goethe" oder "Chemie" bisher niemand bemüssigt gefühlt hätte, mehr als einen "Twick" in der Wikipedia abzuladen, wäre der jeweilige Artikel dann halt nur 2 Zeilen lang. Genau so hat die Wikipedia übrigens mal angefangen: siehe z. B. http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Physik&oldid=10455
@AndreasP_RV Ich kann die Situation nur als Außenstehender einschätzen. Mein Blickwinkel ist also stark subjektiv. Aus meiner täglichen Arbeit weiß ich jedoch von vielen mittelständischen Unternehmen wie Lampertz, Gedia oder Cloos, dass sie mit gründlich recherchierten Texten NICHT in der Wikipedia zugelassen wurden.
Natürlich möchte auch ich nicht, dass die Wikipedia zu einem PR-Portal verkommt. Aber: Deutschland ist Mittelstand. Wieso werden obskure Holzbrücken aufgenommen, nicht aber die Unternehmen, die Deutschland weltweit präsentieren und für unseren Wohlstand sorgen?
Warum ich auf dem Thema rumreite ist klar: Bei Twick.it wird Relevanz durch die Nutzer definiert und grundsätzlich kann jeder schreiben, was er will. Dennoch habe ich Bedenken bei einem Insider-Begriff wie ADW, der – wenn überhaupt – nur Eishockeyspielern geläufig ist. Die Auseinandersetzung mit Wikipedianern hilft mir also, meine eigenen Standpunkte zu definieren.
Beim Wikipedia-Stammtisch haben wir aber noch viele andere Dinge diskutiert: Begriffe wie "Sammelsurium" oder "Husarenstück" sind künstlich aufgebläht, um nicht als Stub zu erscheinen – hier wäre ein Eintrag im Wiktionary ausreichend.
Andere Texte sind einfach zu lang und werden dadurch unübersichtlich– wie ermittelt die Community die Obergrenze? Vieles ist zu wissenschaftlich formuliert zum Beispiel "Damenbart" oder "ROI" und somit für einen Großteil der Suchenden unverständlich.
Meine Hoffnung bei der Relevanzdebatte ist, dass die Wikipedia wieder offener für neue Autoren wird, die unbefangen genug sind, ein Gleichgewicht zu den etablierten, wissenschaftlichen Strukturen herzustellen. Das ist schwer: Beim Wikipedia-Stammtisch habe ich eine Anekdote aus dem Meditations-Zentrum in Sarnath erzählt. Dort meldeten die nach Erleuchtung Suchenden schon nach wenigen Tagen Besitzansprüche auf die herumliegenden Meditationskissen und eine bestimmte Sitzstelle im Raum an…
Auch wenn ich mich wiederhole: Ich bin beeindruckt, dass ich beim Wikipedia-Stammtisch diese Themen offen ansprechen konnte – auch wenn sie viele Wikipedianer sicher zum xten Mal vorgekaut bekommen.
Naja, ich glaube man muss sehr klar abgrenzen zwischen Werbung und Information. Und da ist es schwer eine Linie zu finden. Wenn Firma XY irgendeinen obskuren Preis gewinnt ist das eine sachliche Mittleiung oder ein Wettbewerbsvorteil usw. Eigentlich sollte eine Enzeklopdedings ja auch eher Begriffe des täglichen Bedarfs erklären.






