Das Internet hat ein Problem
Das Internet stellt Menschen vor ein grundsätzliches Bedeutungsproblem: Die bereitgestellten Informationen sind zumeist aus dem Kontext gerissen. Durch den fehlenden Kontext, die schiere Menge und die Komplexität der verfügbaren Daten wird das Verstehen und Einordnen der einzelnen Informationen zur Herkules-Aufgabe. Viele Wissenschaftler forschen darum an dem Semantic Web. Der Interneterklärer Peter Kruse sagt jedoch, dass das Semantic Web ein Traum bleiben wird. Stattdessen hat sich konsequenterweise ein Soziales Netz entwickelt. Denn die Empfehlungen unseres sozialen Netzwerkes ermöglichen uns, bedeutungsvolle Muster im Informations-Chaos zu erkennen.
Sintflut der Daten
In der gesamten Geschichte des Internets wurden bis 2003 zwei Exabyte an Informationen produziert. Nach neuesten Rechnungen produzieren wir die gleiche Menge an Informationen inzwischen alle zwei Tage – hat Eric Schmidt von Google vor kurzem behauptet. Auch wenn ich diesem Rechenbeispiel misstraue, verdeutlicht es doch die ungeheure Datenvermehrung, die unter anderem durch das Internet und die Sozialen Medien möglich gemacht wurde.
Kontrollverlust durch Komplexität
Nicht nur die Menge der verfügbaren Daten, sondern auch die Anzahl der anzapfbaren Quellen hat sich vervielfacht. Dadurch wird das Einordnen und Verstehen der Informationen weiter erschwert. Schließlich erreichen mich die Informationen in Echtzeit – ungefiltert, ungeprüft, ungeordnet. Aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen. Das stellt mich vor eine Reihe von Problemen:
1. Ich weiß nicht, welche Quellen vertrauenswürdig sind.
2. Ich kenne den ursprünglichen Kontext nicht.
3. Ich kann widersprüchliche Daten kaum oder gar nicht miteinander vergleichen.
Aufgrund dieser ohnmächtigen Erfahrung ist es nur konsequent, sagt Peter Kruse, dass sich ein soziales Netz gebildet hat.
Mit besten Empfehlungen: Das Soziale Netz
Das Besondere am Sozialen Netz ist nicht nur das Teilen von Informationen, sondern das Empfehlen und Bewerten. (Der Social Media-Experte Thilo Specht hat dazu kürzlich einen lesenswerten Artikel veröffentlicht.) Nicht durch den Klappentext des Verlags, sondern durch die Kunden-Rezensionen erkenne ich bei Amazon, ob mir ein Buch gefällt. Ist ein Händler bei eBay vertrauenswürdig? Ein Blick auf die Bewertungen genügt. Lohnt es sich einen Blog-Artikel zu lesen? Mal sehen, wie viele Facebook-Empfehlungen er erhalten hat. Auch Informationsplattformen wie Digg oder Twitter beruhen auf dem Empfehlungsprinzip. Ein legendäres Beispiel sind die FollowFriday-Empfehlungen. Ähnlich wie bei dem Semantic Browser von Twick.it setzen diese Internetdienste in erster Linie auf Menschen – was aber ist mit den Maschinen?
Der Traum vom Semantic Web
Schon jetzt können Maschinen die emotionale Bedeutung von Worten analysieren (Stichwort: Sentimentanalyse) , Gesichtsausdrücke deuten und mittels Opinion Mining sogar den Zustand einer Gesellschaft darstellen. Soziale Suchmaschinen sind auf dem Vormarsch, die den Datenstrom nach den Empfehlungen meines persönlichen Netzwerkes sortieren. Trotzdem wird das Semantic Web (vorerst) ein Traum bleiben. Denn unsere „Desambiguierungsmaschine“ (O-Ton Kruse), das menschliche Gehirn, hatte eine ganze Evolution Zeit, die Mustererkennung zu perfektionieren, um die Vieldeutigkeit auf ein verständliches Maß zu reduzieren. Social Media und des Echtzeit-Internet befinden sich jedoch noch in der Kinderstube. Sie wachsen…
Was ist deine Meinung zum Semantic Web? Wird es die Informationssuche verbessern oder bleibt es ein Traum? Wird eine Maschine jemals verstehen können, was ein Mensch im Sinn hat und wonach er sucht?
Schlagwörter: Bedeutung, Empfehlungen, Peter Kruse, Semantic Web, Semantik, Social Media
Ich denke, daß unter dem Schlagwort »Semantic Web« ein Problem konstruiert wurde, das (zumindest in der Intensität) nicht exisitiert: Die Daten wachsen mit den technischen Möglichkeiten der Hardware, aber die Menge der Information, der interpretierten Daten also, nimmt ungleich langsamer zu.
90% aller »neuen« Daten sind Kopien. Dies ist das »Wesen aller IT«, wie Kris Köhntopp mal so schön gesagt hat. Bei news.google.com sieht man das recht gut: Eine Nachricht wird in unterschiedliche Texte gefaßt, die doch alle fast dasselbe sagen. Obwohl die Online-Ausgaben der meisten Nachrichtenseiten fast durchweg grauenhaftes Markup benutzen, kann ein Automat sie jetzt schon bündeln und uns damit ihre Redundanz vorführen.
Informationen kommen nie ohne Kontext zu uns, sondern immer über bestimmte Kanäle, die wir gewählt haben: Suchergebnisse, Newsfeeds, soziale Netzwerke, E-Mails, Logfiles …
Kontextlose Informationen existieren also nicht, möchte ich behaupten. Im Gegenteil: Wir haben immer mehr Kontext, Filter, Vor-Urteile. Welche wir als »autoritativ« anerkennen, ist keine Frage der Technik, sondern der Medienkompetenz — oder schlicht: Urteilskraft. Dafür braucht man Menschen, die miteinander reden, nicht verbesserte Technik wie neue Markupsprachen oder smarte Algorithmen.
»Das Internet« tut nichts. Es ist kein Akteur, sondern eine technische Infrastruktur, in der Menschen handeln. Sie mögen sich dessen nicht immer bewußt sein, doch das können sie ja lernen. Darauf sollte mehr Mühe gesetzt werden, finde ich, nicht auf das technische Umschiffen dieser Kompetenzlücken.
Wie könnte das praktisch aussehen? Vielleicht ist es nicht immer die beste Option, visuelle Schnittstellen zu komplexen Informationen und Verfahren maximal zu vereinfachen. Der Nutzer gewinnt dadurch leicht ein falsches Bild und erspürt seine Wissenlücken nicht mehr.
Verständliche und unterhaltsame Erklärungen — wie wir sie manchmal auch auf twick.it finden — nützen langfristig mehr als jede noch so gute Technik. Sie geben dem Empfänger Vertrauen in die eigene Urteilskraft und lassen ihn hoffentlich auch zum selbstbewußten, kreativen Sender reifen.
Das »Semantic Web« ist eine Idee für und von Technikfetischisten. Es funktioniert, wenn Automaten miteinander kommunizieren. Sonst nicht. Bedeutung wird vom Emfänger erzeugt, und sie ist meistens viel zu komplex, um formalisiert zu werden. Das sollten wir auskosten.
Hi Toscho,
ich stimme mit dir in fast allen Punkten überein – bis auf einen.
Ich stimme dir zu, dass es sich bei vielen vermeintlich neuen Daten nur um Kopien, Meinungen und Aggregate handelt. (Manchmal erschließt sich der Sinn einer Information allerdings erst in einer bestimmten Formulierung.) Nicht die Menge der Informationen an sich, sondern die Menge der im Internet verfügbaren Informationen hat so rasant zugenommen.
Ich stimme auch mit dir darin überein, dass das Internet nichts tut. Es stellt nur eine Plattform bereit, die Menschen individuell nutzen. Um das effizient zu tun, bedarf es Medienkompetenz – am besten schon von der Grundschule an. D’accord bin ich auch, das Urteilsvermögen insbsondere in zwischenmenschlicher Kommunikation geschult wird. Mit Twick.it versuchen wir, genau das zu beweisen: Das eine menschliche Erklärung in einem Satz mehr Wert sein kann als eine Millionen Treffer bei Google.
Wie ich schon in dem Artikel „Was ist Semantic Web?“ geschrieben habe, halte ich das Semantic Web für schwer realisierbar. Allerdings hoffe ich immer noch, dass Semantic Web werde es mir eines Tages ermöglichen, genau das zu finden, wonach ich suche. Beispiel: Ich googele: „Wann hat Peter Kruse Geburtstag?“ Die Ergebnisse sind Müll, da Google nur nach den Suchbegriffen „Peter Kruse“ + „Geburtstag“ indexierte Treffer liefert. Erfolgsversprechender sind die Ansätze von Wolfram Alpha oder der sozialen Suchmaschine Aardvark, bei der die Bedeutung der Frage analysiert wird. Aardvark nennt das den Paradigmen-Wechsel von der Bücherei hin zum Dorf. (Übrigens war Google davon so beeindruckt, dass sie Aardvark kurzerhand gekauft haben.)
Kompliziert wird es beim Kontext. Eine Information ohne Kontext, wäre keine Information. Aber der Kanal, über den ich die Information erhalte, kann den URSPRÜNGLICHEN Kontext nicht ersetzen. Das Medium ist eben nicht die Botschaft! Darüber hinaus erhalte ich die Information nicht von Angesicht zu Angesicht, nicht mehr in einem direkten sozialen Austausch, sondern zerstückelt und bestenfalls in einer automatisch zusammengestellten Timeline. Ich muss jedes Informationsbruchstück on-the-fly bewerten – ohne die Mimik des Absenders studieren zu können. Lohnt es sich weiterzulesen? Lohnt es sich, den Link anzuklicken?
Darum glaube ich, dass Glaubwürdigkeit und Vertrauen für das Soziale Netz elementar wichtig sind. Wenn wir beide gemeinsam studiert hätten, würde ich dich und deine Argumentation besser verstehen, als ich es durch das Folgen deines Twitter-Accounts oder das gelegentliche Lesen eines Blogs-Artikels vermag. Wenn ich einen Roman lese, kann ich eher in die Welt des Autors eintauchen, als wenn ich einen Tweet dazu verfolge. Darüber hinaus konkurrieren Tweet, Feed oder E-Mail mit vielen anderen Online-Kommunikationskanälen.
Natürlich wähle ich die Kanäle und justiere die Filter. Man sollte aber nicht die Rückwirkung der Medien auf unser Verhalten unterschätzen. Einen schönen Artikel zu gibt’s hier.
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[...] sind diese Zugehörigkeiten, die für den Menschen natürlich und wichtig sind, fremd. Das ist das Semantik-Problem: eine Maschine kann aus sich heraus keine sinnvollen Zusammenhänge erkennen und deuten. Sie kennt [...]






