Twick.it ist, was du draus machst. Nach diesem Grundsatz wollen wir ab sofort die Nutzer der Erklärmaschine in unserem Blog zu Wort kommen lassen. Twick.it stellt fünf Fragen – du antwortest. Frei nach Schnauze. Unzensiert. Knallhart. Den Anfang macht Norro.

Und so sieht er aus, der Norro
1. Hi Norro. Du hast dich von Anfang an stark bei Twick.it engagiert. Was gefällt dir an der Erklärmaschine? Wo siehst du Verbesserungspotential?
Als langjähriger Wikipedianer kenne ich das Problem, dass eigentlich zu jedem Thema beliebig viel zu schreiben ist. Ohne Begrenzung kann mal sich immer weiter in Details verlieren und damit den Kern eines Themas völlig aus dem Auge verlieren. Dieses Problem wird es bei Twick.it nie geben. Und das ist gut so! Oft will ich nur kurz einen Begriff nachsehen, um schnell zu wissen, worum es sich grob handelt. Bislang benutze ich dafür die Wikipedia, da die Einleitung des Artikels das häufig leisten kann. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass sich dafür Twick.it in Zukunft noch besser eignet, sobald es eine größere Anzahl Twicks erreicht hat.
Verbesserungspotential sehe ich vor allem noch darin, eine gemeinsame Community zu schaffen. Denn Erklärung und Kommunikation hängt für mich untrennbar zusammen. Eine Erklärung zu einem Thema kann unglaublich davon profitieren, wenn mehrere Personen sich darüber austauschen und unter die Arme greifen. Davon kann auch die ganze Website und das ganze technische System hinter Twick.it profitieren, denn auch da werden mit der wachsenden Popularität des Projekts mehr und mehr Ansprüche erwachsen.
2. In deinem Blog hast du die Erklär-Duelle ins Leben gerufen. Warum? Was versprichst du dir davon?
Davon verspreche ich mir nichts als Spaß. Darauf gekommen bin ich direkt zu Anfang als ich Twick.it entdeckt habe. Ich wollte Twick.it ausprobieren und einfach mal ein paar Twicks erstellen. Mir fiel es aber schwer, mir einfach Begriffe auszudenken, zu denen ich Twicks erstellen wollte.
Also habe ich mir bestehende Twicks angesehen und versucht, dazu eine bessere Erklärung zu schreiben. Dadurch, dass die Leser darüber abstimmen, welcher Twick der beste ist, ist das eine Herausforderung. Ich habe schnell gemerkt, dass das eine Möglichkeit ist, die mir viel Spaß macht. Und dann bin ich glaube ich einfach darauf gekommen, per Twitter andere Twicker(?) und per Blog einfach alle meine Leser zu Duellen aufzufordern. Bei Mitmach-Projekten hilft es sowieso allen am meisten, wenn man Spaß an der Arbeit hat.
3. Als Wikipedianer hast du schon viel Erfahrung mit Wissensplattformen gesammelt. Wo siehst du wichtige Unterschiede zur Mutter aller Mitmach-Projekte?
Da würde ich primär dreierlei Unterschiede herausstellen:
- Der erste wichtige Unterschied ist der sehr viel engere Rahmen bei Twick.it. Das meine ich neben der 140-Zeichen-Beschränkung auch in technischer Hinsicht. Die Wikipedia gibt ihren Autoren und der Community ein dickes Textfeld pro Thema, in dem die Autoren im Wesentlichen machen können, was sie wollen. Man verlässt sich darauf, dass darin etwas Vernünftiges entsteht. Das ist natürlich gefährlich, weil auch Mist damit gemacht werden kann, aber man gibt den Wikipedianern dadurch auch eine große Freiheit, neue Strukturen zu entwickeln und neue Ideen auszuprobieren. Die Möglichkeiten innerhalb von Twick.it sind da sehr viel begrenzter und ich habe wenig Gestaltungsfreiraum.
- Ein zweiter wichtiger Unterschied ist, dass bei Wikipedia mittels Wiki alle Autoren eines Themas an einem gemeinsamen Text arbeiten. Bei Twick.it läuft die Zusammenarbeit darüber, dass man sich möglicherweise von anderen Twicks inspirieren lässt, aber jeder trotzdem seinen eigenen Twick schreibt.
- Als dritten – und wichtigen Unterschied – nenne ich die Community-Bildung. In der Wikipedia gibt es zu jedem Artikel und zu jedem Dokument eine vielgenutzte Diskussionsseite, es gibt Mailinglisten und IRC-Channel. Dadurch entsteht eine dauerhafte, rege und unglaublich breite Kommunikation, die ein komplexes soziales Gebilde geschaffen hat. Das dadurch sowohl im Kleinen als auch im Großen auf ganz breiter Basis Entscheidungen diskutieren und fällen kann. Eine solche Community gibt es bei Twick.it (noch) nicht.
4. Du hast vorgeschlagen, dass Twick.it ein Forum o.ä. integriert, damit sich die Nutzer direkt auf der Plattform austauschen können und sich eine „Community“ bildet. Kannst du das ein wenig erläutern?
Jetzt hab ich dem bei der vorigen Antwort schon ein wenig vorausgegriffen. Das dort Gesagte gilt auch als Antwort auf diese Frage. Aber um das noch etwas auszuführen: Meiner Meinung nach ist die Community-Bildung in zweierlei Hinsicht für ein Mitmach-Projekt wichtig: Zum Einen ist die Diskussion wichtig, um das Projekt zu entwickeln und ständig zu verbessern. Ihr beiden hattet zwar die tolle Idee zu Twick.it, es wäre aber wohl vermessen, davon auszugehen, dass ihr auch weiterhin die besseren Ideen als sämtliche Twicker zusammen haben werdet. Und um diese Ideen eurer Nutzer zusammenzuführen und zu nutzen, reicht meiner Erfahrung nach ein einfacher Kontaktlink zu Euch nicht aus.
In zweiter Hinsicht ist eine Community-Bildung glaube ich auch wichtig, um diejenigen, die zum Projekt beitragen, motiviert zu halten. Das Gefühl, Teil eines Projektes zu sein, mitmachen, mitreden und mitentscheiden zu können, ist ein wichtiger Punkt, um Motivation zur freiwilligen und unbezahlten Mitarbeit zu finden. Das sagt meine persönliche Erfahrung mit der Wikipedia. Ob ein Forum das richtige Instrument zu dieser Art der Community-Bildung ist, weiß ich allerdings auch nicht.
5. Einer deiner Ideen war eine Semantik-Funktion, um Twick.it-Nutzer, die ähnliche Themen erklärt haben, zusammenzubringen. Kannst du das kurz beschreiben?
Die Idee kam nicht direkt von mir, sondern von einem Freund, den ich auf Twick.it aufmerksam gemacht hatte. Wenn ich auf meine Benutzerseite bei Twick.it gehe, könnte ich eine Übersicht bekommen der Art „Diese fünf Twicker twicken zu ähnlichen Themen wie Du“.
Ich glaube, Hintergrund war hierbei, auf diese Weise Kontakt zu Twickern gleichen Gebiets zu knüpfen und ggf. so auch Inspiration für weitere Twicks zu sammeln. Insbesondere für Verabredungen zu Erklär-Duellen wäre das natürlich auch interessant.
Zusatzfrage: Du hast mit Busimess in der Vergangenheit ein eigenes Open-Content-Projekt entwickelt. Beschreib doch mal, was es damit auf sich hatte.
Das Projekt ist mittlerweile eingeschlafen, da wir keine Zeit mehr dafür hatten und an einem Punkt nicht mehr wussten, wie dieser technisch und als Benutzerinterface umzusetzen ist. Das Projekt (unter der Adresse http://busimess.org/ ) war aus folgender Situation entstanden: Wir, die Gründer, sind keine großen Fans des Axel-Springer-Verlags, bekamen aber irgendwann heraus, dass sehr viele verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Magazine direkt oder indirekt über unzählige Tochtergesellschaften zum Axel-Springer-Verlag gehören. Um sicher zu sein, keine Produkte von Axel Springer zu kaufen, müsste es ein Werkzeug geben, derlei Informationen abzufragen.
Busimess war ein Open-Content-Projekt, in dem Benutzer Beziehungen zwischen Unternehmen eintragen konnten und das Abfragen der Form „In welcher Verbindung stehen Unternehmen A zu Unternehmen B“ erlaubte.
Kombiniert mit den ebenfalls bei Busimess vorhandenen Informationen, welche Produkte und Dienstleistungen ein Unternehmen anbietet, konnte die Website genau Fragen wie „Hängt die HörZu mit dem Axel-Springer-Verlag zusammen“ beantworten.
Das funktionierte auch wirklich gut. Daher ist nicht ausgeschlossen, dass das Projekt eines Tages wiederbelebt wird. Gerade mit der steigenden Zahl der Fälle von Schleichwerbung ist diese Form von Abfragen nicht uninteressant. Im Moment fehlt dazu aber leider einfach die Zeit.
Wow! Busimess hört sich nach einem sehr spannenden und sinnvollen Projekt an. Vielen Dank für deine Unterstützung – auch in Form dieses Interviews. Ich bin gespannt, ob sich einige Twicker (?) zu deinen Verbesserungsvorschlägen äußern werden. Übrigens: Zum Thema Forum/Community-Bildung habe ich bereits einen ausführlichen Artikel vorbereitet, der in den nächsten Tagen online geht.
Schlagwörter: Community, Feedback, Wikipedia
Hi Norro, habe gerade ein Interview mit Medienprofessor Clay Shirky gesehen. http://www.elektrischer-reporter.de/site/film/61/ Er betont immer wieder den Wikipedia-Gedanken: Dass Menschen, die etwas wertschätzen, heutzutage den Lauf der Dinge ändern können.
Bei Experten-Communities, wie sie Norro nach dem Vorbild Wikipedia vorschwebt, besteht meiner Meinung nach stets das In/Out-Problem: Einer Masse sich nicht aktiv an den Diskussionen Beteiligter steht eine kleine Gruppe sehr Aktiver gegenüber – und ich weiß nicht, ob Ihr das für twick.it wollt bzw. wollen solltet. Klar, die Aktiven sind durch ihr Engagement stark miteinander verschweißt und fühlen sich als Teil einer starken (und erklärungsmächtigen) Gemeinschaft. Das Problem daran ist, dass die Barriere für noch nicht Inkludierte dadurch steigt, so dass es von einem bestimmten Punkt an quasi ausgeschlossen ist, dass die aktive Beteiligung zu einem Massenphänomen wird, was allerdings – wenn ich Eure Intention richtig verstehe – gewünscht wird.
Sehr gut an Norros Äußerungen gefällt mir der Gedanke einer Zusammnführung von Autoren zu ähnlichen Themen durch einen semantischen Filter. "Erklär-Duelle" hört sich ebenfalls vielversprechend an!




